Beinert | Ateliergespräch mit Thomas Friedrich: Weltgestaltung als Designbekenntnis
17.06.2010

Was säkulare Designer und Architekten mit Katholiken, Protestanten und Professoren zu tun haben.

Was säkulare Designer und Architekten mit Katholiken, Protestanten und Professoren zu tun haben.
Vortrag und Gespräch im Atelier Beinert | Berlin

Donnerstag, 17. Juni 2010 um 20:00 Uhr
Atelier Wolfgang Beinert | Berlin
Görlitzer Straße 51 [RGB, Modeschule ESMOD, linkes Entrée]
10997 Berlin [Kreuzberg]

Info und Anmeldung unter http://www.beinert.net/kommuniques/63-friedrich/designbekenntnis.html

KURZ VORWEG
Eigentlich sollte dieses Ateliergespräch mit Thomas Friedrich sich um ein ganz anderes Thema drehen, nämlich um mögliche Zukunftsperspektiven für uns Designer. Aber bereits nach einem Telefonat kamen wir zu dem Ergebnis, dass dieses Thema eigentlich einen langen Bart hat und eigentlich schon längst gegessen sein sollte.

So traf es sich ausgezeichnet, dass Thomas Friedrich seit geraumer Zeit »Über die konfessionelle Weltgestaltung und -erfahrung im außerkirchlichen Sinn« philosophiert. Klingt auf den ersten Blick etwas kompliziert, ist es aber nicht.

Gibt es Zufälle? Denn ich wiederum zermartere mir – seit ich aus Bayern nach Berlin gezogen bin, den Kopf darüber, warum und wieso hier im Norden, speziell natürlich in Berlin, eine gänzlich andere Ästhetikauffassung existiert als in den südlichen Gefilden, beispielsweise in meinen letzten Wohnorten Rom oder München.

Anfangs vermutete ich, das es sich um eine der typischen Ossi/Wessi-Diskrepanzen handelt. Aber irgendwann überkam mich während einer meiner Exkursionen durch Brandenburg die Hypothese, dass es vielleicht daran liegen könnte, dass hier ja mehrheitlich nüchterne Protestanten leben und ich mich schlicht und einfach nicht mehr im sinnlichen, katholischen Süden befinde.

So dämmerte es mir langsam, was der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière kurz nach der Wiedervereinigung gemeint haben könnte, als er sagte, dass Deutschland nun wieder etwas protestantischer werden wird.

Und Thomas Friedrich, der Philosoph, bestärkt mich nun in diesen Gedanken. Aus meiner Hypothese formulierte er humorvoll seine Thesen ...

VORAB EINIGE FRAGEN AN DEN PHILOSOPHEN
Wie prägen christliche Konfessionen Produktdesign, Kommunikationsdesign und Architektur? Wie bewerten Protestanten und Katholiken Arbeit? Welche Konsequenzen hat das auf ein Design? Ist Graphic Design im Sinne der New Yorker Schule sinnlich, die Ulmer Schule hingegen streng, kühl und protestantisch? Ist Otl Aicher etwa ein calvinistischer Designguru? Und was ist mit Alessi-Design, das mit Gesichtern, Ornamenten, Witz und Ironie arbeitet? Ist Philippe Starck gar erzkatholisch?

ÜBER PROF. DR. THOMAS FRIEDRICH
Das Thema dieses Ateliergesprächs mit Thomas Friedrich, welches sich sicherlich auch auf Nietzsches »Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn« beziehen lässt, klingt – wie schon erwähnt – vielleicht etwas spröde. Aber das täuscht.

Ich kenne Thomas Friedrich nun schon seit einigen Jahren. Und ich kann – Hand aufs Herz – versichern, dass er ein blendender, humorvoller und unterhaltsamer Rhetoriker, ja vielleicht sogar ein Redekünstler im Sinne Aristoteles ist. Er gehört zu den sprachgewandten Oratoren, die komplexe Thesen lebhaft und leichtblütig vortragen können, ohne dass das Publikum dabei sanft entschlummert. Es hat mir bisher immer sehr viel Freude bereitet, seinen intelligenten und kritischen Betrachtungsweisen zu folgen. Einen Beamer oder sonstige Präsentationshilfsmittel werden wir bei diesem Ateliergespräch nicht benötigen.

Prof. Dr. Thomas Friedrich ist Jahrgang 1959. Zuerst studierte er in Würzburg Grafikdesign und anschließend Philosophie, Politische Wissenschaft und Volkskunde. Dann Lehrtätigkeit als Hochschuldozent für Geschichte und Theorie der Visuellen Kommunikation an der Fakultät für Gestaltung der Bauhaus-Universität Weimar. Seit März 2000 ist er Professor für Philosophie und Designtheorie an der Fakultät Gestaltung der Hochschule Mannheim. Dort leitet er auch das Institut für Designwissenschaft. Zusammen mit Gerhard Schweppenhäuser gibt Thomas Friedrich die Buchreihe Ästhetik und Kulturphilosophie im LIT Verlag (Münster, London) heraus. Seit 2002 ist er Redakteur der Zeitschrift für kritische Theorie (zu Klampen, Springe). Er ist Gründungsmitglied der Gesellschaft für Designgeschichte, berufenes Mitglied der Freien Akademie der Künste Rhein-Neckar, des Deutschen Werkbundes Baden-Württemberg und Leiter der Sektion Design der Deutschen Gesellschaft für Semiotik e.V.

FRIEDRICHS THESE
Es macht Sinn, ganz allgemein sowohl in der Produktionsästhetik, als auch in der Rezeptionsästhetik von tendenziell katholischem oder evangelischem Design zu reden, also nicht nur im Zusammenhang mit kirchlichem Design, wo diese Unterscheidung selbstverständlich ist, sondern auch im säkularen Bereich der Gestaltung. Es macht auch Sinn, diese Dichotomie auf unterschiedliche Designtheorien anzuwenden. Um dies aufzuzeigen zu können, wird Thomas Friedrich eine Art begriffliches Polaritätenprofil – was ist katholisch und was ist protestantisch – entwickeln.

Dies könnte beispielsweise so aussehen: Protestanten fassen Arbeit als Gottesgeschenk auf, sie heroisieren in hektischer Betriebsamkeit die Arbeit. Und nicht nur das: Arbeit muss ihnen weh tun. Libidinös besetzte Arbeit zählt für sie nicht als Arbeit, denn mit einer solchen kommen sie natürlich nicht in den Himmel. Sie fragen sich: Ich bin bei meiner Arbeit glücklich, was mach ich nur falsch? Und im Übrigen: Müßiggang ist aller Laster Anfang und wer schläft, der sündigt!

Die Katholiken dagegen fassen Arbeit grundsätzlich als Gottesstrafe auf. "Mei Ruah will i ham" (Meine Ruhe will ich haben), sagt der katholische Bayer. Er neigt dadurch eher zur Betriebsstörung als zur Betriebsamkeit. Für ihn darf Arbeit auch Freude und Lust bereiten, sie darf auch libidinös besetzt sein. Sie fragen sich: Ich bin bei meiner Arbeit glücklich, gut so! Am schönsten ist es nichts zu tun und dann vom Nichtstun auszuruhen (Zitat des wunderbaren Klaus Havenstein) – und im Übrigen: wer schläft, der sündigt nicht!

Daraus entwickelt sich zwangsläufig eine weitere These: Sowohl Designproduktion (Encodierung) als auch Designrezeption (Decodierung) kann mono- oder plurifunktionalistisch bzw. protestantisch oder katholisch sein. Denn von einem Benutzer gebraucht zu werden ist gleichsam der Zweck des Designs. Das gilt für Kommunikationsdesign wie für Produktdesign und Architektur gleichermaßen. Der Designer kann nun seine Objekte im Hinblick auf eine oder auf mehrere Nutzungen anlegen oder encodieren, um es mit einem semiotischen Begriff zu bezeichnen. Dieser Unterschied entspricht dem zwischen monofunktionalistischem und plurifunktionalistischem Design. Monofunktionalistische Designproduktion und -rezeption ist für Thomas Friedrich eher protestantisch, die plurifunktionalistische Designproduktion und -rezeption hingegen katholisch.

Eine auf diese Designkriterien hin verlängerte konfessionelle Polaritätenliste könnte nun – hier verkürzt – folgendermaßen formuliert werden: Für Protestanten (Monofunktionalismus) sind Bilder unerwünscht, Ornamente und Zierrat als Überfluss verpönt. Und es gilt das Credo »Weniger ist mehr« – und zum Teufel mit der Sinnlichkeit, der kühle, rationale Geist ist wichtiger.

Für Katholiken (Plurifunktionalismus) hingegen sind Bilder durchaus erwünscht, Ornamente und Zierrat sind natürlich kein Problem – solange die Semantik stimmt. Es gilt das Credo: Und mehr ist mehr – und um Gottes Willen, ja zur fülligen Sinnlichkeit! Und lasst uns am Besten gleich dabei alle Sinne ansprechen ...


Weitere Informationen

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Info und Anmeldung

Bekommen die preußisch-protestantischen Designer und Architekten bei diesem Ateliergespräch mit Prof. Dr. Thomas Friedrich nun ihr Fett weg? Braucht Berlin mehr Sinnlichkeit? Sind die Neuen Wilden Katholiken?